Wie vermutlich viele weitere Mitbürger habe ich am vergangenen Sonntag Abend das TV-Duell zwischen den beiden Kanzlerkandidaten Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) aufmerksam verfolgt. Obwohl das Duell offenbar unter der Situation einer langen Zusammenarbeit und möglicher weiße zukünftige Zusammenarbeit litt und zum Duett verkam, gaben sich andere Personen allergrößte Mühe skandalöse Tendenzen untermalt mit gespielter Fassungslosigkeit zu erkennen.

Ich hatte parallel zum TV meinen “Second Screen”, das Smartphone im Blick und aufmerksam Twitter verfolgt.

Gerade als einer der Moderatoren (über deren Qualität und Konstellation an Fragen möchte ich hier nicht sprechen, obwohl das zweifelsohne Bücher füllen könnte) sinngemäß folgende Frage an Herrn Schulz gestellt hatte: “Herr Schulz, wie schätzen Sie das ein: Sind Einwanderer aus muslimischen Ländern schwerer zu integrieren als Einwanderer aus anderen Ländern?”

Martin Schulzs Antwort: “Das glaube ich nicht, vom Grundsatz nicht, das kommt auf Ihre Erziehung in den Ländern an. Ja, es gibt z.B. palästinänsische junge Männer die zu uns kommen, die mit einem tief verwurzelten Antisemitismus erzogen worden sind, denen muss man mit klaren Worten sagen: ‘In diesem Land hast Du nur dann einen Platz wenn Du akzeptierst, dass Deutschland ein Land ist, das Israel schützt.’  Das heißt das muss man sehr konkret im Einzelfall beurteilen.”

Wie genau er auf die Frage geantwortet hat, sei dahingestellt. Was er damit hervorhebt ist allerdings, dass unabhängig von Herkunft und Religion zu prüfen ist, wie eine Integration aussehen soll (unter starkem Nicken der Kanzlerin).

Und was geschieht auf Twitter?

“Schulz glaubt nicht, dass Muslime schwerer zu integrieren sind als Christen. Wie kann man nur immer noch so naiv sein.”, schreibt Kristina Schröder (Direkt gewählte Bundestagsabgeordnete für Wiesbaden, CDU).

Ich möchte an dieser Stelle nicht Frau Schröder (alleine) an den Pranger stellen, sie bedient sich einer für Politiker üblichen Praxis: Sie interpretiert eine Aussage bewusst so, dass der Parteikonkurrenz Aussagen in den Mund gelegt werden können, aber ihr keine Lüge vorgeworfen. Diese Praxis prangere ich jedoch an.

Sie verbreitet in ihrem vom Volk gewählten Amt Aussagen, die so weder getätigt noch unumkehrbar richtig interpretiert sind. Damit beeinflusst sie massenweise Menschen und Meinung. Mit dem bewussten falsch Interpretieren einer Aussage.

Kennt ihr die Phrase “Offen und Ehrlich”? Was bedeutet das genau? Kann ich offen sein, aber nicht ehrlich, oder ehrlich aber nicht offen?
In meinen Augen: nein. Transparenz und Offenheit gehören zur Ehrlichkeit wie die Wahrheit selbst. Sind all diese Attribute im eben beschriebenen Vorfall aufzufinden? Das bezweifle ich stark.

Für mich ist das so Unehrlich wie eine Lüge. Mit einer Agenda und gezielter Fehlinterpretation. Sollten Sie, Frau Schröder, das lesen: Es tut mir zum einen leid, Sie exemplarisch aus der Masse Ihrer Kollegen herausgezogen zu haben, zum anderen, dass dadurch der Eindruck entstehen kann, alle Politiker folgend diesem Muster. Das ist natürlich nicht zwingend gegeben.

Dennoch verurteile ich diese Praxis auf das Schärfste.

Zum Glück gibt es Bürger die dieses Spiel durchschauen. Und darauf beruht meine Hoffnung für diese Wahl.

Verantwortlicher Umgang mit Medien, Kommunikation und Information sollte fester Bestandteil eines Werkzeugkasten jeder Person sein (gerne schneide ich mir hier ins eigene Fleisch).
Das gilt auch, nein, insbesondere, für Personen die in der Öffentlichkeit stehen und noch mehr: Für Politiker.